Franziskus und der Sultan

Franziskus und der Sultan

Von Dr. Thomas M. Schimmel 

Franziskus von Assisi hatte ein besonderes Verhältnis zu den Geschöpfen Gottes: Alle nannte er Bruder oder Schwester Er hatte keine Scheu vor Aussätzigen, Päpsten, Räubern, Muslimen, Wölfen, Vögeln oder dem Tod. Seine Briefe begann er immer mit dem Friedensgruß und seine Brüder forderte er auf, zu Begrüßung den Frieden zu wünschen. 

Eine friedvolle Begegnung der besonderen Art fand im September 1219 statt: Franziskus traf im ägyptischen Damiette das geistliche und politische Oberhaupt der Muslime, den Ayyubiden-Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik. Wie war es dazu gekommen? Nach dem Pfingstkapitel 1219 in Assisi, also der jährlichen Vollversammlung der Brüder, brach er mit weiteren Brüdern auf, um ins Heilige Land zu reisen. Die Motive für seinen Reisewunsch sind unklar: War es die Hoffnung, Sultan Al-Kamil zum Christentum zu bekehren, um so den 5. Kreuzzug zu beenden und Frieden zu schaffen? War es Abenteuerlust? Wollte er die heiligen Stätten Jerusalem und Bethlehem besuchen? Wir wissen es nicht wirklich – außer, dass er sicher keine feindseligen Absichten gegen Muslime hegte oder sogar, wie Franziskusbiograf und Generalminister Bonaventura in seiner legenda maior(1260/62) behauptete, das Martyrium erleiden wollte.

Die Stimmung gegenüber den Muslimen war in diesen Jahren aufgeheizt. 1213 verfasste Papst Innozenz III. (1197 – 1216) die Enzyklika „Quia maior“, in der er die Strategie und die theologische Begründung für den 5. Kreuzzug entwickelte. Alle Christen rief er dazu auf, an der Befreiung des durch Muslime besetzten Jerusalems mitzuwirken, weil sie sonst ihr Heil verwirkten. Die Enzyklika enthielt ausführliche theologische Darlegungen, die sich unter anderem auf die von Bernhard von Clairvaux (ca. 1090 – 1153) gelehrte Rechtfertigung der Tötung von Ungläubigen beziehen.

Die Kreuzzugprediger hatten ein einfaches rhetorisches Konzept: Sie verhießen den Teilnehmern am Kreuzzug und Wohlhabenden, die sich von der Teilnahme freikaufen konnten, vollkommenen Ablass. Den Verweigerern drohten sie mit der Exkommunikation, also der Entfernung aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Gleichzeitig nutzten die Kreuzzugprediger die Unkenntnis und die Vorurteile gegenüber dem Islam, um Hass zu schüren. Sie bezogen sich dabei auf Papst Innozenz, der den Islam und die Person Mohammed drastisch brandmarkte: Der Islam sei das apokalyptische Tier der Offenbarung, also der Satan, der im Endkampf besiegt werden soll, und Mohammed der Sohn des Verderbens. Dieses Konzept des Christentums stand in tiefem Widerspruch zu der Idee von Frieden und Respekt, wie Jesus sie gelehrt hatte – und wie Franziskus sie verstand. 

Franziskus beschloss in dieser Situation ins Nildelta zu reisen, wo das Kreuzzugheer seit 1218 versuchte, die Stadt Damiette einzunehmen. Er kam im August im Lager der Kreuzfahrer in Ägypten an. Der erste Franziskusbiograf, Thomas von Celano, berichtet, dass Franziskus die Zustände im Kreuzfahrerlager scharf kritisiert und die Niederlage der Kreuzfahrer voraussagte. Als er bei den Christen auf taube Ohren stieß, machte er sich in einer Gefechtspause auf den Weg in das Lager der Muslime.

Verschiedene Biografen und Zeitzeugen berichten in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichen Zielrichtungen über Franziskus‘ Aufenthalt im Lager der Muslime. Sicher ist, dass Franziskus mehrere Tage in diesem Lager war und den Sultan getroffen hat. Unklar ist allerding, worüber Franziskus und Sultan Al-Kamil gesprochen haben. In einem Brief von 1220 des Bischofs von Akko, Jakob von Vitry, der sich zur gleichen Zeit im Kreuzfahrerlager wie Franziskus aufhielt, scheint allerding die Tagesordnung des Gespräches durch. Vitry schreibt: „Obwohl er den Sarazenen während mehrerer Tage das Wort Gottes predigte, richtete er nur wenig aus. Doch der Sultan, der König von Ägypten, bat ihn insgeheim, für ihn zum Herrn zu beten, damit er auf göttliche Erleuchtung hin derjenigen Religion anhangen könnte, die Gott mehr gefalle“. Offensichtlich war in dem Gespräch klar, dass es nicht um die Frage ging, wer den richtigen Gott anbete, sondern dass es um die Frage der Orthopraxie, also der richtigen Glaubensausübung, ging.

Im Verhalten Franziskus nach seinem Besuch in Ägypten finden sich einige Indizien, die sich möglicher Weise auf die Begegnungen in Damiette zurückführen lassen. Er hat in dem Lager ja gesehen, wie Muslime ihren Glauben ausüben: Dass sie fünf Mal täglich gemeinsam das Pflichtgebet verrichten und dazu vom Muezzin gerufen wurden. Dass sie großen Wert auf Solidarität, Gastfreundschaft und Barmherzigkeit legten, dass sie das Wort Gottes verehrten und die Schriften (Koran, Evangelien, Psalter und Thora) heiligten, dass Gott für sie der Einzige und der Allerbarmer war. All das wird Franziskus fasziniert haben, wissen wir doch um seine Haltung zum Gebet, zur Solidarität mit den Armen, seiner Beziehung zu Gott und nicht zuletzt wissen wir um seine Wertschätzung für die Heilige Schrift.

So formuliert Franziskus nach seiner Rückkehr nach Assisi im Entwurf seiner Ordensregel einen Grundsatz, der noch heute Leitlinie für das interreligiöse Gespräch sein kann und der eine Lehre aus seinem Besuch war. In Kapitel 16 heißt es unter Überschrift „Von denen, die unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen“: „Die Brüder aber, die hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder Zank noch Streit beginnen, sondern um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden“.Franziskus macht also klar, dass Christen im franziskanischen Geist respektvoll und demütig mit Menschen anderen Glaubens umgehen sollen ohne ihr eigenes Bekenntnis zu verleugnen. Und vor allem sollen sie Glaubensgespräche nur dann beginnen, wenn sie den Eindruck haben, dass eine friedliche Atmosphäre diese Gespräche zulässt.

Ein weiterer Punkt ist das gemeinsame Gebet. In seinen Briefen an die „Lenker der Welt“ – und die Leiter seiner Klöster (Kustoden) schreibt er im Jahr 1220: “Und möget Ihr doch dem Herrn unter dem Euch anvertrauten Volk so große Ehre erweisen, dass an jedem Abend durch einen Herold oder durch sonst ein Zeichen dazu aufgerufen werde, vom gesamten Volk Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank zu erweisen“.  Franziskus zitiert hier offenbar die muslimische Praxis, auf den Ruf des Muezzins hin, gemeinsam zu beten. Bemerkenswerter Weise waren es ein paar Jahrzehnte später die franziskanischen Pfarrkirchen, die das Angelusläuten einführten.

Ein dritter Hinweis auf Erfahrungen mit den Muslimen ist eine Stelle in der Biografie des Thomas von Celano. Celano berichtet, dass Franziskus von einem Bruder angesprochen wurde, warum er immer beschriebene Schnipsel vom Boden aufhebe und an einem sauberen oder heiligen Ort aufbewahre. Franziskus antwortete, dass ja auf den Schnipseln der Name des Herrn geschrieben sein könnte. Und als der Bruder einwandte, dass er auch Schriften der Heiden aufhob und solche, auf denen der Name Gottes nicht stand, sagte Franziskus: „Mein Sohn, weil in ihnen die Buchstaben vorkommen, aus denen man den glorwürdigsten Namen des Herrn, unseres Gottes zusammensetzen kann”.Franziskus machte hier deutlich, welche Wertschätzung er für das Wort Gottes hegte, auch wenn es nicht aus biblischer Quelle kam. Vielleicht hatte ihn die Praxis der Muslime damals berührt, mit dem Koran besonders vorsichtig und sorgfältig umzugehen. In diesem Zusammenhang ist auch der Lobpreis Gottesinteressant, den Franziskus 1224 für seinen Bruder Leo verfasst hat. Hier zählt er Eigenschaften Gottes auf und das Gebet klingt wie die Fortsetzung der „99 schönsten Namen Gottes“, die Muslime – übrigens mit einer Art Rosenkranz – immer wieder rezitierten und bis heute rezitieren.

Die Begegnung des heiligen Franziskus mit dem Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik strahlt über die Jahrhunderte bis heute aus. Franziskaner haben durch diese Begegnung eine besondere Beziehung zum Islam. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie im Jahr 1463 Sultan Mehmet als Gast in ihrem Kloster in Istanbul aufnahmen und dass der Sultan ihnen durch einen Vertrag später Religionsfreiheit gewährte.

Zehn Jahre nach der Begegnung von Franziskus handelte Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik mit dem Staufferkaiser Friedrich II. über einen Vermittler einen Waffenstillstand und die friedliche Übergabe der heiligen Stätten Jerusalem, Nazareths und Bethlehem aus. Friedrich II. hatte in den Jahren zuvor dem Papst wiederholt zugesagt, einen Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems zu organisieren, diesen jedoch immer wieder aufgeschoben. Der Konflikt zwischen den Männern gipfelte u. a. deswegen in der Exkommunizierung Friedrichs, der in den Jahren 1228/1229 schließlich nach Palästina aufbrach, um den Papst zu besänftigen und wieder in die Kirche aufgenommen zu werden. Doch tatsächlich wollten weder der Sultan noch der Kaiser Krieg und Blutvergießen – auch weil andere Konflikte in ihren Herrschaftsgebieten die beider Herrscher in Bedrängnis brachten – so dass Friedrich auf das Verhandlungsangebot des Gegners einging und seine Ziele ohne Blutvergießen erreichte. Den Papst beeindruckte das zwar nicht und die Rücknahme der Exkommunikation geschah erst viele Jahre später, aber Friedrich und Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik blieben bis zu ihrem Lebensende Freunde.